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Nachfolgend könnt Ihr unsere immer wieder interessanten Berichte aus dem Vereinsleben lesen (diese sind teilweise mit Fotos aus unserer Galerie verknüpft, sofern vorhanden ...). Aufgrund unserer vielen unterschiedlichen Aktivitäten sind die Berichte nach Jahren unterteilt.

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Facetten einer provokanten Frau

Lesung über Margherita Sarfatti (1880-1961)

... von Silke Helling

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(Bilder vorhanden!)
Nein, sie passte in keinerlei Klischeeschubladen! Margherita Sarfatti geb. Grassini, vermögende venezianische Jüdin mit wirkmächtigem Urteil als Kunstkritikerin, eine feministische und sozialistische Propagandistin. Nach radikalem Meinungswandel später eine prominente Wegbereiterin des italienischen Faschismus, was sie letztlich jedoch nicht davor bewahrte, in die Verfemungen der antisemitischen Rassengesetze hinab gestoßen zu werden. 1938/39 gelang ihr über Frankreich die Flucht ins ferne Uruguay. Erst 1947 konnte sie wieder heimatlichen Boden betreten und lebte in der nachfaschistischen Ära mit der bleiernen Last jenes Etikettes, welches ihr zum Makel geworden war: "La ragazza di Mussolini! La ragazza!" Sie war die langjährige außereheliche Freundin von Diktator Benito Mussolini (1883-1945) gewesen und hatte 1926 eine auflagenstarke, international verbreitete beschönigende Biografie über ihren Geliebten veröffentlicht.

In der bis auf den letzten Platz gefüllten Veranda unseres Vereinshauses lauschte am 14.11.2009 eine interessierte Hörerschaft der ersten Buchvorstellung und Lesung, die Festwartin Christel Schwiemann mit großem Engagement organisiert hatte. Umrahmt von Musik und Gesang der Gittaristin Nancy trug die Autorin Uta Ruscher Texte aus ihrer 2008 publizierten Lebensgeschichte Margherita Sarfattis vor. In enger Zusammenarbeit mit Marianne Brentzel hatte die Verfasserin vier Jahre lang in unterschiedlichsten Archiven und Dokumenten geforscht, hatte Familienangehörige befragt und die Ergebnisse der Recherchen zu einer chronologischen und mit Fotos illustrierten Darstellung verwoben.

Bei der Lesung gaben die geschickt vorgenommene Auswahl der Textpassagen und die frei formulierten Überleitungen Uta Ruschers dem Auditorium die Möglichkeit, sich aus den Mosaiksteinen das Porträt einer schillernden Persönlichkeit zu formen. Angeregt wurden auch Gedanken zum Themenkomplex der historischen Erinnerungskulturen und zu persönlichen Strategien des Verschweigens. Beispielsweise tilgte Mussolini nach seiner Trennung von der Gefährtin Margherita die publizistischen Spuren ihrer Existenz. Im Italien der Nachkriegszeit wiederum vernebelte und bestritt Sarfatti hartnäckig wesentliche Fakten ihres Kontaktes zum inzwischen von Widerstandskämpfern hingerichteten "Duce". Die Enkelinnen erfuhren erst durch Schulgefährten von der faschistoiden Vergangenheit ihrer Großmutter, die ihnen als eine egozentrische, aber auch sehr herzliche alte Dame gegenübergetreten war. Die Nachfahren sahen sich gezwungen, mit der grausigen Ironie des Schicksals zu leben: Indem die Großmutter dem Geliebten Benito zur Macht verholfen hatte, hatte sie gleichermaßen das Fundament für die todbringende Deportation ihrer eigenen Schwester und ihres Schwagers gelegt!

Nach mehr als einer Stunde Lesung beantwortete Uta Ruscher noch etliche Fragen, die in einer beeindruckten und berührten Hörerschaft entstanden waren. Eine größere Anzahl Exemplare des Titels "Margherita Sarfatti. ‚Ich habe mich geirrt. Was soll’s.’ Jüdin. Mäzenin. Faschistin" wurde gekauft und der Autorin zum Signieren vorgelegt.
Abschließend vereinte das köstlich bestückte Kuchenbüffett die Gäste bei leiblichen Genüssen und inspirierten Gesprächen an einer langen Kaffeetafel. Erneut herzlichen Dank an die zuverlässigen "Heinzelfrauen" des Vereins, die zum Gelingen dieses besonderen Nachmittags beigetragen haben.

Letzte Aktualisierung / last update: 05.10.2017